Dr. Marius Ritter, Ethnologe

Afrikportrait22_1264anische Staaten südlich der Sahara geraten vor allem in die Schlagzeilen, wenn sich humanitäre Katastrophen im Gefolge eines Krieges anbahnen. Der darauffolgende Blick auf Kriegsparteien und Flüchtlingsströme ist gleichzeitig aber immer auch ein Blick auf Ausnahmezustände, in denen Rollenzuschreibungen und Organisationsformen des alltäglichen Zusammenlebens großteils außer Kraft gesetzt sind.
Um die andauernden Probleme vieler der Staaten – wie etwa Korruption, mangelnde institutionelle Infrastruktur und Armut – verstehen zu können, muss man sich auch mit den lokalen sozialen Organisationsformen befassen. Die Menschen in Uganda etwa verarbeiten und kompensieren durch die soziale Bande der extended family, Nachbarschaft oder auch Clanzugehörigkeit viele der Leistungen, die in Industrienationen der Staat übernimmt oder die dort als käuflich zu erwerbende Dienstleistungen zugänglich sind. Das lokale soziale Nanti-korruption-plakatetzwerk gewinnt dadurch an Komplexität – in Form von vielfach verschränkten Abhängigkeiten und Verpflichtungen. Diese Verpflichtungen sind Gegenstand von Konflikten, bieten sie aber auch die Möglichkeit der Prestigegewinnung sowie der eigenen Absicherung, im Falle man selbst (etwa im Alter) hilfsbedürftig wird. Ein zurückgezogenes Leben außerhalb der weitverzweigten sozialen Bande ist vor allem in ländlichen Gegenden, wo mitunter noch Subsistenzwirtschaft betrieben wird, unmöglich. Das Netzwerk bietet einen Zugang zu Ressourcen, die auf anderem Weg kaum erreichbar sind. Es greift regelnd und unterstützend in unterschiedlichsten Situationen ein; wie etwa bei der Altersvorsorge, Ernteausfällen, beim Hausbau, bei Hochzeiten oder bei Todesfällen und Krankheiten, die ohne vorhandene Krankenversicherung schnell einen beträchtlichen finanziellen Aufwand bedeuten.
Daraus resultiert, dass sich diese Netzwerke aus einer relativ hohen Anzahl an multiplexen Beziehungen zusammensetzt, denen sowohl eine finanzielle und ökonomische Verpflichtung als auch soziale und emotionale Verbundenheiten inne sind. In Industrienationen sind diese multiplexen Beziehungen meist auf den engsten sozialen Kernbereich beschränkt. Über die Kernfamilie hinausgehende Verwandtschaft und Nachbarschaft schaffen relativ gesehen ein geringes Maß an sozialer und emotionaler Involviertheit und sind frei(er) von ökonomischen Verpflichtungen¹. Hier macht die Anzahl der uniplexen Beziehungen, die also für einen bestimmten Zweck (weitgehend ohne emotionale Bindung) bestehen, einen relativ gesehen weit größeren Prozentsatz der Kontakte aus. Ein Grund dafür ist, dass in Industrienationen Institutionen (wie bspw. Versicherungen und soziale Dienste) organisatorische und absichernde Funktionen übernehmen, sodass diese aus dem direkten sozialen Umfeld ausgelagert sind. Die Kontakte mit den Ämtern oder Dienstleistungsunternehmen wiederum können weitgehend anonym ablaufen, da eine durchsetzungsfähige vertragliche und gesetzliche Absicherung existiert, die eine persönliche Nähe nicht erforderlich macht. Ist diese Absicherung aber bestenfalls unzuverlässig vorhanden, bzw. mangelt es an bestimmten staatlichen Leistungen oder (offiziellen) Dienstleistungsangeboten sowie den Geldmitteln, um diese zu nutzen, werden die Bedürfnisse zwangsläufig Teil der (Ver-)Handlungen in den lokalen sozialen Organisationsformen.
Das mag eine Ursache dafür sein, dass sich auf eine entpersonalisierte Allgemeinheit abzielende, über das soziale Umfeld hinausgehende Handlungszusammenhänge in der Erfahrungswelt Vieler als nicht rentabel erweisen.
Das hängt wiederum damit zusammen, dass die in vorhandenen staatlichen Stellen konzentrierte Verfügungsmacht über Allgemeinressourcen in den Einflussbereich lokaler Loyalitäten geraten kann, wenn der Zuständigkeitsbereich staatlicher Amtsinhaber (in bspw. der Polizei oder der Verwaltung) mit deren eigenem sozialen Netzwerk überlappt. Interessenskonflikte zwischen den eingeforderten Loyalitäten des eigenen lokalen Netzwerks und der von staatlicher Seite geforderten Gleichberechtigung der Bürger können die Folge sein. Staatlich-bürokratische Handlungen müssen (idealerweise) sprichwörtlich ein-fach geregelt sein, frei vom Einfluss persönlicher Abhängigkeiten. Sinken die vom Staat vergebenen Privilegien in die persönlichen Verpflichtungen und Abhängigkeitsbeziehungen der Amtsinhaber ein, macht es staatliche Leistungen optional; und zwar in dem Sinne, dass sie vor allem erfolgversprechend sind, wenn persönliche Kontakte bestehen – oder eine Bestechung möglich ist.
Es herrscht eine weniger strenge Differenzierung des privaten und öffentlichen Bereichs vor, die sich bei Behördengängen auch dann zeigt, wenn man keine persönlichen Kontakte hat. Alltägliche Rituale des sozialen Miteinanders sind auch in bürokratischen Situationen allgegenwärtig. Wohnt man bspw. dem Einreichen von Anträgen für die Bewilligung öffentlicher Gelder bei staatlichen Ämtern bei, so fällt auf, dass der Vorgang von vielen Anekdoten, die argumentativ unterstützend wirken, begleitet ist. Nicht rein formale Korrektheit und Effizienzdenken, sondern auch emotionale und soziale Intelligenz, das Gefühl persönlicher Nähe, bilden einen wichtigen Bestandteil, will man erreichen, dass gemachten Zusagen von Seiten der Amtsinhaber auch Taten folgen.
Ein nur schwer zu durchbrechender Teufelskreis zeichnet sich ab. Einerseits sind zuverlässige Staatsorgane nötig, um die lokalen Netzwerke mit ihren eng verflochtenen sozialen und ökonomischen Abhängigkeiten zumindest teilweise zu entlasten. Andererseits bleiben die dichten Netzwerke notwendigerweise erhalten, solange nur ein partieller und unzuverlässiger bzw. überhaupt kein erschwinglicher Zugang zu etwa Bildung, medizinischer Versorgung und staatlich organisierten sozialen Auffangnetzen (wie etwa Renten) existiert. Ein Großteil der daran geknüpften Fürsorge muss so weiterhin im lokalen Zusammenleben kompensierend geregelt und verhandelt werden – auch wenn dies nicht immer erfolgreich und konfliktfrei geschieht.
Der soziale, politische und bürokratische Verschiebungsprozess von einer partikularistischen Organisation hin zu einem durchsetzungsfähigeren staatlichen Verbund geht langsam vonstatten und ist immer von Rückschlägen begleitet. Faktoren wie die durch kolonial-europäische Politik entstandenen Grenzen, die daraus resultierende ethnische und sprachliche Vielfalt sowie der steigende Bevölkerungsdruck erschweren diesen Prozess vor allem auch in Uganda zusätzlich. Das rapide Bevölkerungswachstum (eines der schnellsten der Welt) beschleunigt die Ressourcenausbeutung. Im armen Westen des Landes, wo Familien mit sieben und mehr Kindern die Regel sind, erstreckt sich das bebaute Land bereits bis in unzugängliche Steilhänge hinein. Großflächige Waldflächen finden sich hier nur noch in den Nationalparks.
Diese Verknappung der Ressourcen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass aus der sprachlichen und ethnischen Heterogenität des Landes heraus Distinktionsmarker destilliert werden, die wiederum in machtpolitischen Auseinandersetzungen instrumentalisiert werden. Unruhen oder gar ein erneuter Bürgerkrieg können die Folge sein.
Es bleibt allerdings zu hoffen, dass eine nachhaltigere Nutzung der Ressourcen (z.B. durch Aufforstung), die Nutzung erneuerbarer Energien (z.B. durch Solartechnik) sowie das wirtschaftliche Wachstum diese Entwicklung abschwächen kann. Im Bildungswesen steht zwar noch viel Arbeit an, aber auch hier gibt es Lichtblicke. So sprechen selbst junge Kinder in der Regel ein besseres Englisch als ihre Eltern. Damit erhalten die Kinder auch ein Stück mehr Unabhängigkeit sowie einen leichteren Zugang zu Wissen, der ihren Eltern verwehrt blieb.
Auch findet langsam ein Umdenken bei der Familienplanung statt. Obwohl eine große Nachkommenschaft vor allem in ländlichen Gegenden immer noch als prestigeträchtig gilt, werden die heutigen Kinder im ländlichen Westen des Landes voraussichtlich im Durchschnitt ein bis zwei Kinder weniger bekommen als ihre Eltern. Dieses Umdenken stellt sich auch auf der politischen Ebene ein. Anders als in der Vergangenheit, als die Regierung den Kinderreichtum im Einvernehmen mit den politisch einflussreichen christlichen Kirchen im Land billigte und unterstützte, findet sie gegenwärtig deutlichere Worte zur Familienplanung.
Die ugandischen Kinder haben also trotz der Herausforderungen, die der gesellschaftliche Wandel mit sich bringt, noch alle Chancen, nicht im Zusammenhang mit erneuten gewalttätigen Auseinandersetzungen um knapper werdende Ressourcen in den Medien aufzutauchen.

¹ Ein verdeutlichendes Beispiel ist das Konzept der Patenschaft, das eine freundschaftliche oder verwandtschaftliche Beziehung in Industrienationen mit einer Verantwortung spezifiziert, die die Fürsorge für das Patenkind absichert. Dieses Konzept ist in Uganda sehr viel weiter gefasst und nicht extra durch den Titel „Pate“ gekennzeichnet. Die relativ hohe Anzahl an Waisenkindern nimmt besser Situierte in die Pflicht, etwa über Stipendien den Kindern schulische Bildung zugänglich zu machen. Die Kinder müssen dabei nicht zwangsläufig dem verwandtschaftlichen Kernbereich entstammen.

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